Ein Gang durch die Produktionshalle im spanischen Motilla del Palancar – eine gute Stunde westlich von Valencia gelegen. Surren. Piepen. Unzählige bunte Lichter blinken. Konzentrierte Menschen stehen oder sitzen an Hightech-Maschinen. Während in dem spanischen Ort die Zeit einem gemächlichen Tempo folgt, bewegen sich hier die Elektronikmodule auf dem Fließband in Richtung Zukunft. Eine der Mitarbeiterinnen zeigt plötzlich auf zwei Boxen. MAHLE steht in großen Lettern auf der einen, Nagares auf der anderen. Sie tippt auf beide Namen, dann formt sie mit ihren Händen aus Daumen und Zeigefingern ein Herz und hält es den Besuchern entgegen. Nur ein Symbol für die reibungslose Integration des spanischen Unternehmens Nagares in den MAHLE Konzern. Ein Gespräch mit den vier Verantwortlichen, die den Aufbau von MAHLE Electronics in Spanien maßgeblich vorantreiben, über eine gewachsene Partnerschaft mit viel Emotion, über Vertrauen und eine gemeinsame Vision.

Geschäftsführer MAHLE Electronics

JOHANN MEIER

MAHLE und Nagares – das ist in erster Linie eine langjährige Partnerschaft. Was war der Grund, die gemeinsamen Kräfte zu bündeln?

»Die Zusammenarbeit von MAHLE und Nagares begann 1997 als eine klassische Kunden-Lieferanten-Beziehung. Wenn man täglich einen gemeinsamen Weg erfolgreich geht, schafft das Vertrauen. Wir hatten bei MAHLE 2016 unsere Aktivitäten rund um elektrische Haupt- und Nebenantriebe in der Division Mechatronik gebündelt. Diese Division wollten wir um den Bereich Elektronik ergänzen, um unsere Kompetenz auf dem Gebiet der Elektrifizierung und der elektrischen Antriebe zu stärken. Dafür haben wir nach dem besten Partner gesucht. Und ihn mit Nagares gefunden.«

Leiter Vertrieb und Marketing MAHLE Electronics

JUAN DIEGO NAVALÓN

MAHLE und Nagares – das ist in erster Linie eine langjährige Partnerschaft. Was war der Grund, die gemeinsamen Kräfte zu bündeln?

"Es fühlte sich schon lange so an, als seien wir mehr als ein reiner Zulieferer. MAHLE war bis dato einer unserer besten Kunden. Als MAHLE auf uns zukam, haben wir selbst noch gar nicht nach einem Käufer gesucht. Aber dann fingen wir an, uns über die Zukunft von Nagares Gedanken zu machen. Wir hatten eine attraktive Produktpalette für die Mobilität von morgen, viele namhafte Kunden und waren gut auf dem Markt aufgestellt. Aber wir kamen an unsere Wachstumsgrenze.«

Leiter Forschung und Entwicklung MAHLE Electronics

LUIS FELIPE RODRÍGUEZ

MAHLE und Nagares – das ist in erster Linie eine langjährige Partnerschaft. Was war der Grund, die gemeinsamen Kräfte zu bündeln?

"In der Tat waren wir an einem Punkt angelangt, an dem Kunden zögerten, uns Aufträge mit größeren Volumina anzuvertrauen, weil sie dachten, dass wir dafür keine ausreichenden Kapazitäten hätten."

Leiter Projektmanagement MAHLE Electronics

ALFREDO PÉREZ

MAHLE und Nagares – das ist in erster Linie eine langjährige Partnerschaft. Was war der Grund, die gemeinsamen Kräfte zu bündeln?

"Nagares arbeitete zu der Zeit schon auf seinem höchsten Tempo, dem größten Volumen, auf dem Maximum seiner Entwicklung. Die Größe und die Komplexität des Marktes ließen uns spüren, dass es Zeit wurde, mit einer Partnerschaft weiter zu wachsen. Wir wussten, dass MAHLE perfekt zu unserem Unternehmen passt. Wir sind flexibel, wendig, schnell. Das ist ideal, um Projekte zu gewinnen. Wenn wir das um eine weit im Voraus planende Industriegröße wie MAHLE ergänzen, ist das die perfekte Kombination."

Was ist das Besondere, das MAHLE Electronics der MAHLE Familie hinzufügt?

"Da sind zwei Dinge. Erstens: Wir haben hervorragende Expertise in der Leistungselektronik. Für die Fahrzeugindustrie fertigen wir unter anderem Steuergeräte und Leistungselektronik für elektrische Nebenaggregate und Thermomanagement-Systeme sowie Leistungswandler für E-Mobilitätslösungen. Zweitens: Wir sind pragmatisch, entscheidungsfreudig und vertrauen auf unsere Intuition.
Dazu eine kurze Anekdote: Was uns letzten Endes zum erfolgreichen Zulieferer für die Elektromobilität gemacht hat, geht auf eine einzige Entscheidung unseres Gründers Herminio Navalón im Jahr 2008 zurück. Es waren Zeiten der jüngsten Wirtschaftskrise. Unsere Fertigung war damals im November für zwei Wochen geschlossen, weil wir keine Aufträge hatten. Juan und ich waren in Paris, um einen Kunden zu treffen. Er fragte uns, ob wir bereit seien, ihm Produkte zu liefern, die er für seine neuen Elektrofahrzeuge benötige. Für uns ein Risiko und ein großes Investment. Niemand wusste damals, ob es funktionieren würde. Wir kamen dann zurück nach Motilla und fanden Herminio in seiner Entwicklungswerkstatt. Wir sagten ihm, dass unser Kunde neue Fahrzeuge baue und einen Zulieferer suche, der investieren wolle, um ihm auf dem Weg in die E-Mobilität zu folgen. Herminio zögerte keine Sekunde. „Wir gehen mit!“ Es war eine große Entscheidung in einem schwierigen Moment. Dieses intuitive Fingerspitzengefühl ist typisch für uns."

JENNIFER MORENO

»Ich bereite die Komponenten vor, die auf dem Elektronikmodul platziert werden. Ich arbeite seit sieben Jahren in diesem Bereich und wurde aus einer anderen Fertigungslinie hierher abgeworben. Egal, ob Nagares oder MAHLE, wir wollen alle das Gleiche: gute Arbeit leisten, wachsen. Wir freuen uns auf die Veränderung, und ich freue mich auf noch mehr nette Kolleginnen und Kollegen.«

JENNIFER MORENO
MAHLE Electronics fertigt Steuergeräte und Leistungselektronik für elektrische Nebenaggregate und Thermomanagement-Systeme sowie Leistungswandler für E-Mobilitätslösungen für die Fahrzeugindustrie.
Mit der Akquisition hat der MAHLE Konzern seine Kompetenz auf dem Gebiet der Systeme für Elektromobilität gestärkt

Wie schaffen Sie es, dass MAHLE Electronics auch unter dem Dach der MAHLE Familie erfolgreich bleibt?

MEIER Wir wollen weltweit einer der maßgebenden Partner in der Leistungselektronik für die Automobilbranche werden. Wir sind mittendrin, schnell zu wachsen. Und das müssen wir, ohne dabei unsere Stärken zu verlieren: den absoluten Kundenfokus und unsere Begeisterung für unsere Produkte. An unserem Entwicklungsstandort in Valencia werden wir weitere Mitarbeiter für diese künftigen Aufgaben rekrutieren.

NAVALÓN Obwohl wir nun mehrere Hundert Mitarbeiter sind, arbeiten wir nach wie vor wie ein Start-up-Unternehmen: schnell, mit kurzen Entscheidungswegen und vor allem mit einem kurzen Draht zu unseren Kunden. Das sorgt dafür, dass jeder unserer Mitarbeiter extrem motiviert ist. Diese Dynamik wollen wir beibehalten.

Und wie sehen das Ihre Kunden?

MEIER Ich hatte einen Moment, der mir die Augen geöffnet hat, als ich mit Juan Diego und Luis Felipe zu unserem größten Kunden gefahren bin – ein Standort mit 15.000 Entwicklungsingenieuren. Trotz dieser schieren Größe konnten wir keine 20 Meter laufen, ohne angesprochen zu werden. Man kennt sich, man vertraut sich. Der Kunde brachte es dann schnell auf den Punkt: „In großen Unternehmen mit etablierten Standards und Prozessen dauert es in der Regel länger, bis man zu einer Problemlösung kommt. In Valencia muss man nur einmal anrufen und sie legen sofort los, um eine Lösung für das Problem zu finden. Alle arbeiten sehr agil und flexibel.“ Das ist eine Stärke, die wir auch in Zukunft erhalten wollen.

Was sind die größten Herausforderungen hinsichtlich des fundamentalen Wandels, der sich derzeit in der Automobilbranche vollzieht?

MEIER Wir beliefern den gesamten elektrischen Antriebsstrang mit Steuergeräten, Leistungswandlern und Leistungselektronik für Elektromotoren. Das Portfolio, das wir anbieten wollen, ist zunächst ziemlich eindeutig. Die große Herausforderung hinsichtlich des Marktes aber ist es, dass es in der E-Mobilität noch keine dominanten Architekturen gibt. Die einen arbeiten heute mit 400 Volt, die anderen mit 800 Volt. Wenn man nach China schaut, dem größten Markt in der E-Mobilität, da redet man von 100 Volt. Wir müssen genau schauen, wo und wie wir investieren.

NAVALÓN Die ganze Industrie verändert sich. Es ist wie damals vor 100 Jahren, als das erste Auto gebaut wurde. Niemand weiß genau, welche Technologie sich wann durchsetzen wird. Es gibt noch keinen Standard, aber eine Fülle von Möglichkeiten.

PÉREZ MAHLE arbeitet deshalb mit vier möglichen Zukunftsszenarien. Dieses außergewöhnliche Vorausdenken und Risikomanagement machen das Unternehmen flexibel und sind ideal, um für die Zukunft gewappnet zu sein.

RODRÍGUEZ Eines muss man dabei aber immer im Auge behalten: Die Entwicklung muss mit dem Kunden gemeinsam geschehen. Sie muss für ihn maßgeschneidert sein. Denn unsere Kunden stehen vor der gleichen Herausforderung. Wir sind dafür da, um für sie und damit letzten Endes auch für die Zukunft Lösungen zu finden.

MEIER Genau das ist unser Alleinstellungsmerkmal, jetzt und auch in der Zukunft: maßgeschneiderte Lösungen ganz nah am Kunden zu entwickeln.

Wo werden diese maßgeschneiderten Lösungen künftig entwickelt?

RODRÍGUEZ Wir sind dabei, unseren Entwicklungsstandort in Valencia zu einem Kompetenzzentrum für Elektronik aufzubauen. Dazu haben wir vor wenigen Monaten Gebäude dazu gekauft. Wir wollen hier künftig unseren Entwicklern Raum bieten, zum kreativen Arbeiten, zum Denken und zum Entspannen. Alle dürfen sich mit ihren Ideen einbringen. In einer Umgebung, in der man sich gerne aufhält, arbeitet man automatisch besser.

NAVALÓN Valencia ist dafür ein sehr attraktiver Standort. Die Erweiterung wird neue Mitarbeiter anziehen. Jeder, der etwas in der Zukunft bewegen will, kann sehen, dass wir dort den Ort dafür schaffen.

MEIER Die Botschaft von MAHLE Electronics an seine Mitarbeiter ist klar: Hier habt ihr den Raum, um euch beruflich zu verwirklichen und persönlich zu wachsen.

Die passenden und vor allem qualifizierten Mitarbeiter entscheiden über den Erfolg eines Unternehmens. Wie wollen Sie diese Mitarbeiter für Valencia konkret gewinnen?

PÉREZ Wir haben vor Jahren Kontakte zur polytechnischen Universität Valencia geknüpft und bringen uns am Lehrstuhl für Elektrotechnik ein. Damit knüpfen wir immer wieder Kontakte zu fitten, motivierten Studenten und versuchen, diese jungen Menschen schon während ihres Studiums für uns zu begeistern.

MEIER Wir suchen gezielt nach Professionals und Experten mit ganz spezifischen Kompetenzen und wir haben das Glück, dass Valencia ein attraktiver Ort zum Leben ist. Potenzielle Mitarbeiter kommen initiativ auf uns zu.

RODRÍGUEZ Und eigentlich stellen wir immer nur nach einer Prämisse ein: Die geeigneten Kandidaten müssen schlicht mehr wissen als ich. So bleibe ich selbst agil. Gleichzeitig unterstütze ich jeden Einzelnen maximal, damit sie oder er seine Aufgaben perfekt lösen kann.

Wo steht MAHLE Electronics in ein paar Jahren?

RODRÍGUEZ Die Aufgabe von MAHLE Electronics wird auch in Zukunft darin liegen, die Idee des Kunden zum Leben zu erwecken. Oft sind die Spezifikationen vom Kunden zunächst nur schwer realisierbar. Dementsprechend ist es unsere Aufgabe, die Kundenwünsche ins Machbare zu übersetzen. Wir werden auch in Zukunft unsere Wettbewerber übertreffen und unseren Kunden dabei helfen, mit Produkten zu glänzen, die im Hinblick auf Know-how und Qualität jenseits vom üblichen Standard sind.

PÉREZ Und wir müssen uns weiter internationalisieren, um überall dort zu sein, wo unsere Kunden sind. Das steht außer Frage.

MEIER Wir wollen weiter viele Projekte gewinnen und mit namhaften Kunden zusammenarbeiten. Wir wollen schnell und gesund wachsen, ohne dabei unsere DNA und den Kundenfokus zu verlieren. Wir wollen globaler Zulieferer für die E-Mobilität werden und weltweit unseren Fingerabdruck hinterlassen. Die Automobilbranche wandelt sich in einem unglaublichen Tempo. E-Mobilität ist dabei nur eine Möglichkeit der künftigen Mobilitätskonzepte. Auch der Verbrennungsmotor wird weiterhin seine Daseinsberechtigung haben. Wir bei MAHLE Electronics werden unsere Chancen nutzen. Für unsere Mitarbeiter und für unsere Kunden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weiter erfolgreich wachsen und ein guter Partner für seine Kunden sein, ohne seine DNA zu verlieren – so das Ziel von MAHLE Electronics.

CRISTINA HERNÁNDEZ PÉREZ

»Ich habe als Trainee hier angefangen; ich kam damals aus Paris, wollte zunächst nur sechs Monate bleiben und Erfahrung sammeln, daraus wurden bis heute acht Jahre. Ich liebe meinen Job. Und jeder hier liebt die Herausforderung. Wir wollen den Wettbewerb. Je mehr Wert wir für unsere Kunden schaffen können, desto weiter kommen wir persönlich.«

CRISTINA HERNÁNDEZ PÉREZ